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W. Deriehsweiler.
stiegen. So traf auch A. Hoffmann-Burckhardt (Sektion Basel) am 27. Juli 1874,
als er mit seinem Führer Christian Jann von Klosters von Riein über Madens, Truein
und die Südwestflanke auf den P i z Ri e in gestiegen war und nun zum Guten Feß
weiterschritt, drei Safierhirten, „die sich bei dem prächtigen Tage ihr schönes Vater-
land von oben ansehen wollten". Zudem fand er an der westlichen Seite des Grates
mehrere Namen von Safiern, wohl Tennern, mit zollhohen lateinischen Lettern in
den weichen Rasenboden eingeschnitten. Sie stiegen dann die rechts vom Guten
Feß auf der Lungnezerseite liegende Schuttschlucht hinab, also nicht direkt in die
Scharte, sondern erreichten dieselbe weniger steil wieder aufwärtsstrebend durch ein
Couloir. Aus der engen Scharte stiegen sie auf der Safierseite durch eine steile
steinschlägige Kehle abwärts und seilten sich über einen Überhang ab. Jedenfalls
sind sie die ersten, welche die F e ß s c h a r t e ' von Osten nach Westen bezwangen
(Jahrbuch S. A. C. X, S. 166). Diese Scharte hat den beiden Gipfeln den Namen
gegeben, denn das rätoroman. feß heißt gespalten. Die Salier nennen beide Feß
mit der Scharte zusammen das „Scheerihorn", weil sie einer nur wenig geöffneten
Scheere gleichen. Am 15. Juni 1882 erreichte P. Reinhardt (Sektion Winterthur)
mit Toni Brun (Sektion Piz Terri) den Schneeboden von der Safierseite, aus durch
einen Kamin neben dem Oberhorn, da sie vom Günerkreuz aus auf Safierseite vorher
keine Aufstiegsmöglichkeit fanden. Über die Besteigungen des Bös en F e ß war
bisher nur Unzuverlässiges und Widersprechendes bekannt. Es gelang mir dann
nach und nach folgendes in der alpinen Literatur noch nicht Vermerktes festzulegen.
Die erste Besteigung des Bösen Feß erfolgte am 10. August 1895 durch Karl Viescher
(Sektion Basel) mit den Führern Wieland Wieland aus Dutgin und J. Christoffel aus
Riein. Einen Artikel der Führer hierüber enthält die Nr. 190 des „Freien Rhätier"
vom 15. August 1895. Zwar wurde in der Nr. 192 vom 17. August 1895 ent-
gegnet, die Sektion „Rhätia" habe schon drei Jahre vorher den Piz Feß bestiegen,
aber in Nr. 200 vom 27. August 1895 wird berichtigend auf die Zweigipfeligkeit
des Berges aufmerksam gemacht. Daß die beiden einheimischen, aber im Engadin
stationierten Führer dort Herrn Viescher eine Bergbesteigung in ihrer Heimat emp-
fahlen, läßt ja auch ohne weiteres erkennen, daß es sich hierbei um etwas Beson-
deres handeln sollte und nicht um die bekannte und leichte Besteigung des Guten
Feß. Die Unterscheidungsnamen der beiden Spitzen, welche zusammen erst einen
Feß, ein Scheerihorn, bilden, waren damals noch nicht bekannt. Zudem ist im
„Freien Rhätier" vom 12. und 17. Juli 1894 die höchste Spitze als unbestiegen
und unbesteigbar und der trigonometrische Punkt als bereits bestiegen bezeichnet.
Am 22. Juni 1901 sah der Böse die erste Sektionstour auf seinem Haupte, wobei
die Mitglieder der Sektion Piz Terri, Pankrazius Koch, Flims ; J. Lutz, Ilanz ; Gliott,
Laax, und Peter Casutt, Fellers, das noch oben liegende Gipfelbuch deponierten.
Am 24. Juni 1906 überkletterten Ing. Schucan (Sektion Davos) und R. Tatti (Sektion
Rhätia) den ganzen Grat vom Günerhorn bis zum Gipfel des Bösen Feß. Das
schärfste Stück dieser Gratkletterung war der Aufstieg auf den Bösen von der Lücke
nächst südlich aus; „fein luftig", wie mir Schucan schrieb. Am 9. Juli 1906 hatte
der Böse den ersten Besuch eines Alleingängers, Herrn Jer. Gredig von der Pension
Waldhaus in Tenna, der am 2. September desselben Jahres seinen 14jährigen Sohn
Joh. Peter hinaufführte. Drei Jahre darauf , am 30. Juli 1909, erhielt der Böse
seinen ersten und bisher einzig gebliebenen Damenbesuch, als Dr. M. Baumann (Uto)